Die Menschen haben sich seit jeher nach Wissen über ihre Zukunft gesehnt. Es ist ein unveränderliches Gesetz der menschlichen Natur — ebenso wie die Unfähigkeit, dieses Wissen, einmal erlangt, weise zu nutzen.
Die Pythia — die einflussreichste Frau der gesamten Antike. Keine Königin, kein General — eine Priesterin. Das Heiligtum unterhielt stets zwei Pythien gleichzeitig, mit einer dritten in Reserve. Sie bereitete sich auf jede Prophezeiung mit einem dreitägigen Fasten und rituellem Baden in der Kastalischen Quelle vor. Vor jeder Konsultation legte sie prachtvolle Gewänder an, setzte einen Lorbeerkranz auf ihr Haupt, trank aus der Kassotis-Quelle und kaute ein Blatt des heiligen Lorbeers.
Könige und Generäle hingen an jedem ihrer Worte. Krösus von Lydien fragte die Pythia, ob er gegen Persien in den Krieg ziehen solle. Ihre Antwort wurde zu einem der berühmtesten Rätsel der Geschichte: „Wenn du den Fluss Halys überquerst, wirst du ein großes Reich zerstören." Krösus zog in den Krieg — und zerstörte tatsächlich ein Reich. Sein eigenes.